27. Juli 2010, Tag +200
Der Tag 200 ist da und wir verabschieden uns – von dieser Internetplattform und auch in unsere lang ersehnte Familienkur.
Schon einmal wollten wir für 4 Wochen eine Familienkur im Schwarzwald antreten, um Bennys erste Chemotherapie und die Folgen für unsere Familie zu verarbeiten. Dann kam in der Woche der Abfahrt der Rückfall und alles ging wieder von vorn los. Wieder ein langer Winter mit Schmerzen und großen Sorgen, ob wir unseren Jüngsten je wieder zurück bekommen.
Wie durch ein Wunder hat Benny auch diese Therapie erfolgreich hinter sich gebracht und die um ein vielfaches gefährlicheren Eingriffe scheinbar problemlos weggesteckt. Das ist normalerweise nicht zu erwarten. Die gesundheitlichen Probleme, auch noch Jahre nach einer Transplantation sind bei vielen Patienten gravierend und werden trotzdem in Kauf genommen. Es wird alles in Bewegung gesetzt, um seinem Kind das Überleben zu ermöglichen. Alle Eltern tun das und wir haben keine besondere Leistung vollbracht, weil wir uns dafür eingesetzt haben. Viele Eltern sind uns begegnet, die den weiten Weg nach Deutschland unternommen haben, um in den kinderonkologischen Kliniken den letzten Strohhalm zu ergreifen, als letzte Chance für ihr Kind. Wir mussten nur die Krankenkassenkarte zücken und hatten Zugang zur weltbesten Medizin auf diesem Gebiet.
Wir sind optimistisch, dass wir uns mit Benny nicht noch einmal in diesen Kampf begeben müssen, dennoch besteht ein Restrisiko, dass die Leukämie zurückkommt oder sogar Zweitmalignome entstehen (Tumore, die durch die Therapie provoziert wurden). Das Risiko eines Rückfalls ist am höchsten innerhalb der nächsten 2 Jahre. Wir werden uns zu regelmäßigen Blutkontrollen und auch Knochenmarkpunktionen im Krankenhaus einfinden müssen, um genau das zu beobachten. Nach der Sommerpause wird Benny trotzdem wieder für einige Stunden in den Kindergarten gehen und sich bewegen dürfen, wie ein normaler 3jähriger Junge.
Um auch für uns die Normalität einziehen zu lassen, haben wir uns entschlossen, den Blog bei diesem Eintrag stehen zu lassen und nicht mehr fortzuführen. Unseren Internetauftritt lassen wir noch offen, um einen Kontakt zu ermöglichen. Wir hätten uns damals eine ähnliche Plattform gewünscht, als wir frisch in diesem Therapiebild gelandet sind und hoffen, dass sie anderen betroffenen Eltern nützlich sein kann. Wir wissen, dass auch viele unserer näheren Bekannten und Familienmitglieder sich auf diesem Weg über Bennys Befinden erkundigt haben, weil man uns nicht zu viele Fragen stellen wollte. „Warum tut ihr euch das an?“, war auch eine häufige Frage und gemeint war, die Mühe, die Informationen aktuell zu halten. Uns war es ein Anliegen, Außenstehenden einen Einblick in die Abgründe dieses Krankheitsbildes zu geben, das immer auch das Krankheitsbild der ganzen Familie ist und aus unserer Sicht nicht klar genug kommuniziert ist. Mitunter war es nötig, spekulativen Pressemeldungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem wir aktuell berichtet haben. Und es hat uns auch geholfen, viele Probleme nicht in uns hineinzufressen, sondern damit nach draußen zu gehen.
Wie viele Mitmenschen mit uns mit gelitten und gebetet haben, zeigen uns die vielen Einträge. Wir bemühen uns, euch hin und wieder einmal eine Email zu schicken und einen kleinen Statusbericht durchzugeben.
Viele Leute rund um den Globus haben uns auf ihre Weise unterstützt und uns viel Mitmenschlichkeit zuteil werden lassen, die uns sehr berührt hat. Wir haben es nicht bereut, Bennys Schicksal auf diese Weise publik gemacht zu haben, denn es konnte viel bewegt werden, wofür wir sehr dankbar sind. Die Registrierung zur Knochenmarkspende bleibt eine wichtige Aufgabe weltweit und vielleicht gelingt es eines Tages, die gravierenden Nebenwirkungen dieser Therapieform auf ein Minimum zu reduzieren.
Viele Spenden fließen in die Kinderkrebsforschung, Tageskliniken und Elterncafés. Exemplarisch benannt seien hier die José Carreras Leukämiestiftung, die Björn Schulz Stiftung und die McDonalds Kinderhilfe, die uns direkt unterstützt haben und dies auch weiter für Familien tun, die Hilfe benötigen.
Wir hoffen, dass ihr euch weiterhin in diesem Themenfeld engagiert, wie auch immer dies individuell möglich ist.
Euch allen wünschen wir, dass euch unsere Lebensgeschichte nicht deprimiert hat, sondern stattdessen den Blick geöffnet hat, eure eigenen Familien mit Dankbarkeit zu betrachten. Kinder zu haben, ist keine Selbstverständlichkeit – und sie groß werden zu sehen auch nicht.



